Klatsch und Tratsch

Pündericher Briefe Teil 1

Im ersten „PÜNDERICHER BRIEF“ (11.02.1947) berichtet Jakob Mentges, Großvater von Paul Ludwig Mertes, seinem in englischer Gefangenschaft befindlichen Sohn über örtliche Ereignisse und Lebensumstände des Jahres 1947.

Die Rechtschreibung des Briefes ist weitestgehend original belassen.

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Pünderich, den 11.II. 1947

Mein lieber Ludwig!

Hallo Ludwig

Was lange währt, wird endlich gut. Fortsetzung meines Schreibens vom 21.VII 1946.
Die beiden Hausdamen machen mir den Vorwurf, daß ich Dir so wenig schreibe.
Wenn sie ja jede Woche schreiben, bin ich im Geiste mit dabei.
Kann ja auch nicht mehr schreiben. Mangels Schreibmaschine, welche wegen
Reparatur seit Nov. beim Klaes ist, muß ich mit Tinte schreiben. Radio ist bei
Arns Karl in Reparatur, weil es soviel lügt, er wollte es heute schicken.

Kirmes Sonntag wurde in Springiersbach die Kirche vom Weihbischof u. vom Domkapitu-
lar eingeweiht. Kirche ist viel schöner wie vor dem Brand derselben. [Kel?]esser,
der die Kirche neu gemalt, hat auch die Briedeler Kirche schön gemalt. Samstag auf Kirmes
war ich mit dem Rad über Olkenbach nach Lutzerath gefahren. Zufällig war Wallfahrtsfeier in
Olkenbach. 800 Jahre ist die Wallfahrt zu Ehren des Apostels Bartholomäus alt. Es war
Hochamt mit Predigt über 2 Stunden. Draußen spielte bis zu meiner Abfahrt einer
auf einem Schifferklavier das schöne Lied „Du mein Schutzgeist Gottes Engel“, welches
im Wald sich wundervoll anhörte.

Über Wein und sonstiges Ernstes wirst Du ja Bescheid wissen.
Der Viadukt ist fertig, wir haben jetzt einen Bahnhof, Prinzenkopf-Tunnel.
An der Eisenbahnbrücke in Bullay fehlen noch 40 Meter neue Eisenkonstruktion.
Ob man sich freuen soll, wenn sie fertig ist, bleibt abzuwarten.
Daß Dein Freund Ludwig Schmitz geheiratet ist, wirst Du wohl wissen.
Gott sei Dank ist die 3. Kältewelle vorüber, es ist nur bis 17 Grad kalt und was es heißt,
daß es absolut keine Kohlen u. Briketts gibt, kannst Du Dir denken. Gott sei Dank, daß wir den
Wald so nahe haben. Paul und ich waren im Graubach so wie das ganze Dorf Holz
machen auf der selben Stelle, wo wir 42 im Herbst das Holz gemacht haben. Das Radio meldet
nun eine 4. Kältewelle; es wäre genug. Am letzten Mittwoch war ich nach Traben 5 Kilo
Benzin holen. Konnte über das Eis nach Trarbach gehen. Im Laufe dieses Jahres soll die
neue Brücke fertig werden.
Die Zeller, Briedler und Pündericher Jugend lernt tanzen.
Der eine sagt, es ist gut, die Jugend muß auch was haben, die anderen sagen, es ist unrecht,
haben wir noch 24 Vermisste, von denen man noch nichts weiß. Etwas besser ist es
gerade mit Salz u. Streichholz. Früher konntest Du am hellen Tage Leute auf der Straße
sehen, welche sich beim Nachbarn mit Kerze oder Kohlenschaufel Feuer holten.

Heute ist es besser. Die Schieber bringen Benzinfeuerzeuge, das Stück kostet 2 Flaschen Wein,
3 lose Feuersteine 1 Flasche: Ein Arbeiter bekommt 6 Mk. Lohn pro Tag, das gibt 5 Zigarren.
Wer ins Kino nach Bullay gehen will, muß 8 Brände Holz mitbringen, sonst kriegt er keine Karte.
Bei Friseur dasselbe, beim Branntweinbrennen für 1 Bütte Trester 1 ½ Zentner Holz.
In Köln kostet beim Schieber 1 Paar Schuhe 600 Mk., oder wer Glück hat u. den Dreh bei der
Kontrolle in Remagen versteht 10 Flaschen Wein. Eine Büchse Wagenfett kostet 4 Flaschen:
Daß jeder Schieberei macht u. tauscht, ist notwendig. Mit Geld kannst Du auf Karte Steuer,
Wasser, Licht und Lebensmittel bezahlen, sonst nichts. Was kann ich haben, was gibst Du mir?
Besorge Dir, wenn es geht, Schuhe und Wäsche. Nimm die Gefangenschaft nicht zu schwer,
1000ende andere würden gern mit Dir tauschen. Wer keine Eltern, eigenes Heim oder Verbindung
mit dem Lande hat, soll um Himmels Willen bleiben, wo er ist. Hier ist nichts mehr los.
Der Normalverbraucher bekommt monatlich 70 Gramm Fett od. Butter. Seit November kein Brot:
Ob 250 od. 300 Gramm Brot pro Tag weiß ich nicht; wiege Dir mal ab, wieviel das ist.
Kohlen und Briketts keine. In der Hamburger Gegend sind Zeitungsnachrichten zu folge
500 Menschen erfroren.
Die Kriegsbeschädigten werden vielmals über die Schulter angeschaut. Die einzelnen
Gemeinden sollten die Renten bezahlen. Hulten Jakob würde gern mit Dir tauschen,
wenn er seinen Arm wieder hätte. Den Nullstand vorm Krieg haben wir noch nicht erreicht.
Nun eine frohe Nachricht. Heute wurde ein Stammhalter von Paul Mertes u. Maria auf den Namen Paul Ludwig hörend getauft. Du bist Pate geworden, ohne Dein Patenkind zu sehen. Herrmann
hat vorgestanden, Maria von Alf ist Gothe. Es ist der 2.Fall, wo Du dem Namen nach dabei bist.

Hoffentlich können wir im Laufe des Jahres 47 Wiedersehen feiern. Wegen der Arbeit hier
brauchst Du Dir keine Sorgen zu machen, sind wir doch vier Mann. Paul kann ja nach
Materialeingang im Handwerk schaffen, ich mache Landwirtschaft u. helfe der Mutter.
Ab u. zu hört man große Sprengungen von Granaten und Bomben. In letzter Zeit ist im Wald
zwischen Bahnhof Ürzig u. Bausendorf ein Mann beim Holzmachen durch Minen umgekommen.
Reis Hans hat Deine Adresse angefordert. Heinz Vogel ist im Lazarett in Rußland gestorben.

So für heute mal genug. Hier auch alles in bester Butter,
was ich auch von Dir hoffe.
Grüße von uns allen, sei Gott befohlen,
Dein Vater.

In bestimmten Abständen werden diese Briefe von Pünderichern veröffentlicht, die das Leben und die Geschehnisse unseres Dorfes in der Vergangenheit zum Inhalt haben. Wir möchten Euch Interessantes über unsere eigene Vergangenheit bieten und gleichzeitig weitere Mitbürger dazu anregen, mit eigenen Beiträgen die Serie zu bereichern und um ihr Kontinuität zu verleihen.
Gleichzeitig bietet sich für uns alle dadurch die Gelegenheit, Wissen und Dokumente, die vielleicht in der nächsten Generation mangels Interesse und Schwerlesbarkeit nicht aufbewahrt werden, für unsere Nachwelt und Ortsgeschichte zu erhalten.

Die Briefe werden auf den Seiten der Dorfchronik gesammelt.

Wer eigene Beiträge zur Verfügung stellen möchte, wende sich bitte an:
Paul Ludwig Mertes,
Tel.: 0 65 42 – 2 20 10

Originalbilder des Briefes

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