Klatsch und Tratsch

Erinnerung an (meine) Tante Luzia

Luzia Mergler vor ihrem Ladengeschäft
Luzia Mergler vor ihrem Ladengeschäft
Eigentlich habe ich drei Tanten: Tante Ute (die Schwester meiner Mutter), Tante Inge und Tante Eve (beides Schwestern meines Vaters). In meiner Kindheit und Jugend hatte ich allerdings noch eine weitere, ganz wichtige Tante in meinem Leben – Tante Luzia aus der Kirchstraße.

Sie lebte mitten im Dorf an einem wunderlichen Ort. Dort gab es vieles, was mich als Kind begeistern konnte. Lustige Taschenbücher mit Dagobert und Donald Duck, eine ganze Regalwand mit den unterschiedlichsten Süßigkeiten und natürlich eine Schöller Eistruhe. Hier war immer etwas los und scheinbar fand nicht nur ich hier alles, was mein Herz begehrte. In den drei Gängen, mit bis unter die Decke voll geräumten Regalen an unterschiedlichsten Waren, herrschte immer hohe Betriebsamkeit von mir bekannten und unbekannten Gesichtern.

Nach der Ladentür mit dem großen langen Metallgriff konnte man nach rechts in die Klamotten- und Stoffabteilung abbiegen. Hier gab es Strickwolle, Stoffe, alles zum Nähen, aber auch Hosen, T-Shirts, einen drehbaren Kleiderständer wie in den großen Kaufhäusern aus der Stadt mit Kostümen und Jacken. Hier stand auch eine lange Holztheke mit vielen Schubladen und eine Regalwand mit noch mehr Fächern, alle voll geräumt mit Textilien verschiedenster Art. Sicher gab es hier auch die feschen Kittelschürzen, die ich als Kind immer wieder in den abenteuerlichsten Farben an Pündericher Frauen im ganzen Ort gesehen habe.

Im mittleren Gang nach der Ladentür waren auf der linken Seite alle Wasch- und Putzmittel und auf der rechten Seite alles zum Thema Schreibwaren, Schulhefte & Co. zu finden. Hier lagen auch meine geliebten Donald Duck Hefte. Die Regale endeten links mit der sehr geräumigen und häufig geöffneten Eistruhe und auf der rechten Seite mit Pflegemitteln und Kosmetika.

Der linke Gang, führte an der alten Registrierkasse vorbei und war für mich der spannendste Bereich. Hier fand man auf der rechten Seite alle Sorten von Süßigkeiten, viele einzeln entnehmbar aus kleinen Plastiktönnchen – wer braucht schon Tüten? Saure Gurken und anderer Gummikram, auch auseinander gebrochene Schokoladeneinzelstücke, Bonbons, Kaugummis in allen Geschmacksorten, Kaubonbons in allen Farben, etc.. Außerdem Schokoladen in allen Größen, Pralinen, Schokoriegel, Schokobohnen mit und ohne Alkohol und so so vieles mehr. Der Gang führte auch vorbei am immens und in mehreren Lagen vollgestopften Zeitschriftenständer, den am Ende nur Luzia selbst bedienen konnte, weil bei unsachgemäßem Gebrauch alles zu Boden gefallen wäre. Weiter ging es vorbei an der Obst- und Gemüseabteilung (ja man kann es Abteilung nennen) und an Eingemachtem und Konservendosen bis hin zu Nudeln, Fertigsaucen und Literflaschen Maggi. Oberhalb von Gemüse- und Obst stand in mehreren Reihen Hochprozentiges auf einem tiefen und breiten Regal. Auch eine eigene Tiefkühltruhe mit Pizzen, Pommes und TK-Gemüse fehlte nicht. Im oberen Gang, der alle Quergänge miteinander verband, war die Wurst- und Käsetheke (nicht abgepackt, sondern am Stück zum Aufschneiden), Medikamente, Hausmittelchen und einiges mehr, an das ich mich dann doch nicht mehr erinnern kann. Aber man kann eins festhalten – gefühlt war es aus Kinderaugen ein riesiger Supermarkt wunderlicher Dinge, in dem es kaum was gab, das es nicht gab. Jeder freie Quadratzentimeter Fliesenboden war genutzt. Die beiden großräumigen Schaufenster wurden regelmäßig mit den neuesten Klamotten ausstaffiert, damit auch die modernen Pündericherinnen keinen der international angesagten Modetrends verpassten.

Luzia selbst, oft nicht nur von den Kindern „Tante Luzia“ genannt, lebte und atmete für ihren Laden. So habe ich es zumindest immer wahrgenommen. Mit Regina hatte sie natürlich eine umtriebige und treue Hilfe und Angestellte (und später auch Nachfolgerin) an ihrer Seite, aber ich kann mich an kein Mal erinnern, dass ich Tante Luzia nicht auch selbst im Laden angetroffen hätte. Ich kann mich nicht erinnern, dass Luzia mal im Urlaub gewesen wäre und vertreten wurde oder der Laden geschlossen war.

Luzia war gefühlt immer da, auch am Wochenende, auch sonntags. Wenn wir als Jugendliche mal wieder einen Kasten Bier brauchten, konnten wir einfach bei ihr klingeln, gingen selbstständig in das reich gefüllte Getränkelager in der Garage, bezahlten – fertig. Nie genervt, immer freundlich, sie war die Seele des Ladens und natürlich auch eine tüchtige Geschäftsfrau bis ins hohe Alter.

Oft war der Laden voller Menschen. Regina bediente in der Klamottenabteilung, Luzia war Käse oder Wurst am Aufschneiden, Einheimische und Touristen stöberten in den Regalen und vor der Kasse tippelte eine immer länger werdende Schlange von Wartenden mit gefüllten Einkaufskörben oder (wie ich) mit etlichen verschiedenen Dingen auf den Armen balancierend. Luzia ließ sich nie aus der Ruhe bringen, auch wenn ich in der Schlange stehend, scherzhaft halblaut zu mir in den Gang sagte „Bitte Kasse 3 besetzen“. Irgendwann schlenderte Tante Luzia an einem vorbei zur Kasse und kassierte jeden seelenruhig ab, während sich eine neue Schlange an der Käsetheke bildete.

Und jedes Mal gab es nach dem Kassieren ein kleines Kaubonbon – ein „Zuckersteinche“ (meist ein Maoam) – das bekam ich auch noch als ich mir in den Zwanzigern keine Donald Ducks sondern Tabakpäckchen und Blättchen zum selber Drehen eingekauft habe. Und wenn nicht so viel los war, konnte man mit Luzia auch ausgiebig über den vergangenen Bundesliga-Spieltag oder das verlorene EM-Finale fachsimpeln, sie war nämlich ein großer und kundiger Fußballfan.

In einem Gespräch mit Peter Friesenhahn über diesen Beitrag hat er mir auch verraten, dass Luzia zu jedem Kleidungsstück über 30 D-Mark eine Tafel Schokolade als Dankeschön überreichte und lange Zeit einen Hund mit Namen Ingo hatte.

Die „Luzia“ war mehr als ein Geschäft – es war das pulsierende Herz unseres Dorfes, der Ort, an dem Geschichten, Klatsch und Tratsch geboren und geteilt wurden. Geführt von einer guten Seele, die ich (nicht nur) als Teil meiner Kindheit fest in meiner Erinnerung habe. Und mit diesem kleinen Beitrag möchte ich einfach noch einmal an sie erinnern, falls sie bei jemandem in Vergessenheit geraten sein sollte.

Leider hat die Zeit diese wundervollen Allround-Läden überholt. Die vielen Discounter und die auf Schnelligkeit getrimmte (Einkaufs-)Welt lassen solche Orte immer seltener werden. Jeder wünscht sich zwar insgeheim, solche Läden zurückzubekommen, doch am Ende erledigen doch alle ihre Einkäufe in den großen Supermärkten. Ich bin dankbar, diese besondere Zeit mit erlebt zu haben, als solche Läden noch das Herz jedes Dorfes waren.

Wir können uns in Pünderich sehr glücklich schätzen, dass es noch Läden wie den Spielzeug- und Souvenirladen von Frau Arns und die Bäckerei Greis gibt. Bei Frau Arns, bei der ich als Kind selbst schon Playmobil kaufen durfte, hat auch meine Tochter ihr Spielzeug gefunden, und Marina aus der Bäckerei hat sich eine schöne Tradition aus Luzias Zeiten bewahrt – das „Zuckersteinche“ für Kinder nach dem Einkauf. Mal schauen, vielleicht frage ich beim nächsten Besuch mal, ob ich auch noch eins bekomme…

Götz Burger

P.S.: Ich würde mich sehr freuen, wenn auch andere ihre Erinnerungen an Tante Luzia und ihren Laden in den Kommentaren teilen. Vielen Dank auch an Peter (Friesenhahn) für das Video und der Familie Sattler-Mergler für die Bereitstellung der Fotos.

Daniel Mentges

Ein sehr schöner Bericht und ein tolles Video – vielen Dank an alle Beteiligten! Für Ritter Sport Olympia, Panini Sticker und die Bravo Sport habe ich bei Luzia mein ganzes Taschengeld gelassen 😊

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Christel Mergler

Lieber Götz,
beim Lesen fühlte ich mich gleich 30 Jahre in der Zeit zurückversetzt, sah mich den Laden betreten, Luzia an der Kasse sitzen, Regina irgendwo im Laden rumwirbeln…..
Nicht ohne Wehmut denke ich an Luzia und ihren Laden zurück.
Vielen lieben Dank für diesen tollen und liebevollen Artikel, der uns Luzias Lebenswerk und ihre Persönlichkeit noch einmal in Erinnerung bringt.
Du hast unser aller Tante Luzia sehr gut dargestellt.
Liebe Grüße
Christel Mergler

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Holger Schmitz

Toller Beitrag, vielen Dank Götz. Ich hatte mal mit unserer Truppe an Kappensitzung die Tante Luzia gespielt,
mein Text beim Abschlusslied ging wie folgt: Dat Geschäft is off, alles stieht parat, ob Käs ob Stoff, et gett sugor Salat. Un brouchst Dou noch noochts um 12 noch en Kist Beer, geneer Dich net, klopp einfach on die Dier.

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Mick Busch

Ich habe auch noch eine Anekdote zur Luzia:
Es ist auch schon gute 50 Jahre her. Eine Dame (den Namen werde ich jetzt nicht nennen 😜) aus Pünderich war in Trier zum Einkaufen. Sie kaufte auch ein Hemd für ihren Herren Gemahl. Zu Hause angekommen stellte sich heraus, daß das Hemd nicht passte. Kurzerhand ging sie zur Luzia und fragte, ob sie das Hemd umtauschen könne. Luzia schaute sich das Hemd an und sagte: Ja, leg es zu den Anderen und hol dir ein neues Hemd.
Das nenne ich Kundenservice, wobei das von der Dame ja schon ein bißchen an Dreistigkeit grenzt.

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Doris Kamradt

Danke für diesen schönen Bericht. Jedes Mal, wenn ich die Pündericher Kirchstraße entlang spaziere gedenke ich gerne und oft auch wehmütig an unserer aller „Tante Luzia“. Noch viele Jahre, nachdem ich nicht mehr in Pünderich wohnte, blieb sie auch für meinen Mann und meine Jungs Tante Luzia. Schließen möchte ich mit einem Zitat aus unserem Freundeskreis „es lohnt sich drei Tage länger Urlaub in Pünderich zu machen, alleine um Luzias Laden kennenzulernen“.

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