Türen in Pünderich, Türen aus 300 Jahren

Türen laden zum Eintreten ins Haus ein, Türen sperren aber auch aus. Der Freund, der Gast, die Familie hat das Vorrecht, durch die Tür ins Haus einzutreten. Der Dieb, der Feind, der Lästige wird von ihr abgehalten. Türen sind aber nicht nur Selbstzweck, sondern auch Ausdruck ihres Besitzers.

Haustür und Fenster sind das Gesicht des Hauses. Sie schauen uns streng an, schmunzeln, ja können lachen. Die Tür vor allem ist Ausdruck von Gediegenheit, von Zweckmäßigkeit, und vom wohlverdienten Geld des Besitzers.

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Frühe Türen haben die Auffassung der Renaissance, sind horizontal geteilt und von strenger Geometrie. Oft sind sie genagelt, dem ungebetenen Eindringling Undurchdringbarkeit androhend. Der Obergaden gestattet Licht und Luft in die Flurküche, das Unterteil zwingt den Besucher, sich bemerkbar zu machen, hält auch die Kleinkinder vom unvorsichtigen gang auf die Straße ab. Der geschweifte Eselsrückensturz leitet zum feingliedrigen Oberlicht über, das der ansonsten eher dunklen Flurküche Licht spendet. Wo heutige Schreiner sich einfühlen können, so am Rathaus, an der Schule oder bei Haus (hier fehlt die Straße) Nr. 19, können gleichartige gute Türen entstehen.

Pünderich hat herrliche Barocktüren, zwei selten schöne Exemplare in der Kirchstraße und in der Gaststätte „Alte Dorfschenke“. Am Prinzip der quergeteilten Türe hält man häufig fest, teilt im Spätbarock gerne auch vertikal. Barocktüren entfalten Pracht, vor allem die Spätbarocktüren. Bei den frühen Türen löst sich geometrische Strenge auf, Profile und Füllungen werden „schiefkrumm“, wie das Wort ,Barock‘ sagt. Die Türleibungen sind stark profiliert, aus Holz und auch rotem Sandstein. Der Auftraggeber einer solchen Tür zeigt stolz seinen Reichtum.

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Im 19. Jahrhundert weden in der ersten Hälfte noch schöne Füllungstüren geschreinert. Rautenfüllungen wie rechteckige und quadratische Füllungen werden gerne durch Linsen und Pilaster „gestreckt“ und mit Rad- und Sonnenmotiven geschmückt. Die zweite Hälfte bringt dann Türen des Historismus. So Beispiele am alten Pfarrhaus und an der alten Kapelle am Ortsausgang, neugotisch.

Andere Türen sind reichgeschnitzte Neo-Renaissancetüren, so an der Hauptstraße. Aber auch Barocktüren der sog. II. Zeit mit geschweiften Füllungen sind zu sehen. Häufig weisen stilisierte Weinranken und Trauben auf den ehemals gutsituierten Weingutsbesitzer hin.

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Einen Weg vom Historismus weg zeigen die Türen des Jugendstil, jener Bewegung der Jahrhundertwende, die etwas ganz Neues bringen wollte. Das alte Schema der Geometrie wird verlassen. Die Ornamente „wuchern“. Stilisierte Pflanzen und Blumen sollen das Junge, das Neue, zeigen. Auch die Eisengitter der jetzt verglasten Türoberteile zeigen deutlich diese Hinwendung zum Floralen. Die schönen Beispiele aus Pünderich sind durchweg gut gepflegt und auch holzmäßig in gutem Zustand. Das zeigt immerhin, dass ihre Besitzer (noch) mit ihnen zufrieden sind.

Aus den zwanziger und dreißiger Jahren stammen die Türbeispiele des „Art-Deko“, das aus dem Jugendstil hervorgegangen ist, aber wieder strenger in der Formgebung ist, auch wieder gerne historische Stilelemente verwendet. Buntes Glas, gelb, grün und rot wird gerne verwendet.

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Unsere Zeit wendet sich wieder diesen guten und stilvollen Türen zu, vielleicht auch deswegen, weil zwei Jahrzehnte lang Glasbausteine, Aluminium und industriell gefertigte Türen ihre Bewährungsprobe nicht bestanden haben. Man freut sich nicht über diese neuen Materialien und Formen, sondern ärgert sich, dass der Betrachter lediglich die alten Türen bewundernd anschaut. Es ist aber auch die Chance für die heutigen Tischler, solide und formschöne „moderne“ Türen zu bauen, die für lange Zeit Freude machen.

Fenster und Türen bilden das Gesicht des Hauses! Wer diese Binsenweisheit nicht beachtet, wird ein Haus haben, das einen notfalls angrinst – anstatt einzuladen.

von Gerd Bayer