Pündericher Brief 009

verfasst von Gesetzkrämer Kommentar hinterlassen

Wie es oft im Leben so spielt, wurde ein Brief vom 6. April 1812 des napoleonischen Soldaten Matthias Burger, dessen Mutter Anna Margarethe Schmitz aus Pünderich stammte, im Nachlass eines Nachlassverwalters wieder entdeckt. Seine Erbin Frau U. Schork recherchierte im Internet und kontaktierte darauf hin den Ortschronisten Winfried Schneiders in Pünderich.
Er fand anhand seiner Nachforschungen heraus: Vater war Johann Peter Burger, geboren am 28.03.1751 in Ernst an der Mosel. Die Mutter war Anna Margarete Schmitz, geboren am 02.07.1768 in Pünderich. Das Ehepaar vermählte sich am 27.02. 1786 in Ernst. Die Großeltern waren der Synodale Johann Schmitz, der im Alter von 79 Jahren am 21.03.1813 der Pünderich verstarb. Die Großmutter des Soldaten war eine Anna Catharina Boes, die um 1700 geboren wurde und am 31.01.1753 in Pünderich verstarb. Das Paar hatte neben den obengenannten Tochter noch …. Kinder darunter auch einen Sohn Johann Hubert Schmitz, der in diesem Brief als Adressat steht.Doch wie kam der junge Burger zur napoleonischen Armee? Nach dem Konskriptionsgesetz vom 5. Sept. 1798 galt eine allgemeine Wehrpflicht für alle unverheirateten Männer vom 20. bis zum 25. Lebensjahr.*Auf Grund dieses Gesetzes wurden zwischen 1802 und 1805 mehr als 200.000 Mann in den besetzten Gebieten eingezogen. Da es in den neuerworbenen Gebieten, einschließlich Frankreich, pro Jahrgang weit mehr junge Männer gab, als das Konskriptionsgesetz vorsah, erfolgte die Auswahl durch das Los. Viele betuchte und gebildete Schichten kauften sich frei, was viele Eingezogene als ungerecht empfanden. Nicht zuletzt desertierten viele Soldaten aus diesem Grund. Rund ein Viertel der eingezogenen Rekruten entzogen sich durch Fahnenflucht dem Waffendienst.

Nicht aber unser armer Soldat Matthias Burger. Er landete in der „La Grande Armee“ der kaiserlichen-französischen Armee des Kaisers Napoleon I. im 1. Füsilierbataillon der 2. Grenadierkompanie. Dieses Grenadier-Bataillon wurde schon während des Feldzuges 1805 neben der kaiserlichen Garde als zusätzliche Elite-Division unter General Oudinot gestellt. Soldaten des Rheinbundes, wie der Soldat Burger, dienten normalerweise auf einer Festung als Festungssoldat, ein Teil der Truppe kämpfte auch in Spanien, so auch er.

Was aus dem Soldaten Burger geworden ist, konnte nicht mehr ermittelt werden. Vermutlich verstarb er wie Hunderttausende auf dem Russlandfeldzug an Hunger oder Krankheit. Insgesamt hatte die Grande Armee von Juni 1812 bis Mitte Januar 1813 rund eine halbe Million Menschen, fast 200.000 Pferde, über 1000 Geschütze und rund 25.000 Armeefahrzeuge verloren.

Etwas Kurioses ließen sich die Pündericher zu Napoleons Zeiten einfallen. Um der Wehrpflicht zu entgehen, veranstalteten die Pündericher einen Heiratsmarkt unterhalb des Pündericher Ratshauses am Moselufer. Alle heiratswilligen Damen und Burschen hatten sich am Moselufer einzufinden und wurden im wahrsten Sinne des Wortes verkuppelt. Das passte nicht immer jeden, so kam es vor, dass ein junger wehrfähiger Bursche eine 15 Jahre ältere Dame heiraten musste. Er hatte die Wahl: Französische Armee oder Heirat? Was besser war – lassen wir heute einmal dahin gestellt.

Eine andere Tatsache ist diese, dass man seit 1801 die neugeborenen Söhne als Töchter im Standesamt Zell anmeldete. Das kam den Standesbeamten auf die Dauer etwas befremdet vor, und sie ließen sich die Neugeborenen bei der Anmeldung vorzeigen.

— Vorwort von Winfried Schneiders —
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06.April 1812

Lieber Großvater, Vettern und Baßen,

ich tue Euch alle freundlich begrüßen und benachrichtigen, daß ich in ein anderes Regiment wechseln werde. Wir sind hier in Paris angekommen, dem 3. April aus Spanien. Wir sind Tag und Nacht gefahren worden bis Paris und man sagt uns, es soll nach Russland gehen – ich glaube, wenn es möglich ist werde ich auf Remission nach Hause kommen in Kürze. So bitte ich Euch mir Geld zu schicken, denn es fehlt an vielem, denn im Regiment gibt es nur das ganz Gröbste.

Wir bleiben vielleicht noch drei bis vier Wochen in Paris, als man saget, von hier aus geht es nach Mainz. Ich habe eueren letzten geschriebenen Brief erhalten im Herbst, bevor wir aus Portugal gekommen sind. Ich habe Euch darauf gleich geantwortet, weil ihr mir geschrieben habt, ich wolltet mir Geld schicken nach dem Herbst. Ich habe aber kein Geld und auch kein Brief erhalten. Ich will auch jetzt keine Neuigkeiten schreiben, aber doch Erzählen. Ich weiß nicht, wo der „Canoluß Seiten“ ist, ob er zu Hause vielleicht sein wird. Ich habt mir auch geschrieben, daß der „Peter Teilen“ gefangen ist. Aber ihr habt mir nicht geschrieben, in welchem Regiment er sein kann, oder ist eine Nachricht in Pünderich eingetroffen. Ich habe etliche Nachrichten von „Kerner“ erhalten. Ich hoffe und bitte Euch ihr werdet mir in aller Geschwindigkeit Geld schicken, so viel wie als möglich, wenn es auch in dreißig Tage währt.

Ich hoffe mein Schreiben wird Euch noch alle bei guter Gesundheit antreffen, wie ich gottlob jetzt bin, aber ich war den ganzen Monat Februar krank und sehr schlecht in Spanien. Hiermit schließe ich Euch alle Freunde und bekannter Großvater, Vettern und Basen, Bruder und Schwester und mein Vetter und meine Base.

Den Jäger Heinrich ist noch recht wohl und grüßt seine Eltern bei nächsten zusammen kommen.

Schreibt die Adresse so wie diese:

An Mathias Burger im 2. Regiment Giese Granather,1. Pathalion, 2. Comlanin in Paris, Kasern Linabart a`la fuit de Regement d

Geschrieben den 6. Aprill 1812

Und der ich bin und verbleibe euer getreuester Diener bis in den Tod.

Mathias Burger

In bestimmten Abständen werden diese Briefe von Pünderichern veröffentlicht, die das Leben und die Geschehnisse unseres Dorfes in der Vergangenheit zum Inhalt haben. Wir möchten Euch Interessantes über unsere eigene Vergangenheit bieten und gleichzeitig weitere Mitbürger dazu anregen, mit eigenen Beiträgen die Serie zu bereichern und um ihr Kontinuität zu verleihen.
Gleichzeitig bietet sich für uns alle dadurch die Gelegenheit, Wissen und Dokumente, die vielleicht in der nächsten Generation mangels Interesse und Schwerlesbarkeit nicht aufbewahrt werden, für unsere Nachwelt und Ortsgeschichte zu erhalten.Die Briefe werden auf den Seiten der Dorfchronik gesammelt.Wer eigene Beiträge zur Verfügung stellen möchte, wende sich bitte an:
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